Die Missa solemnis

Beethoven schrieb die „Missa solemnis" als Auftragskomposition seines Schülers und Mäzens Erzherzog Rudolph II von Österreich für dessen Ernennung 1820 zum Erzbischof von Olmütz (heute Tschechien). Das Werk wurde jedoch erst 1823 fertig.

„Von Herzen - möge es wieder zu Herzen gehen!" schrieb Beethoven über das Manuskript seiner Partitur.
Revolutionär, freigeistig setzt sich Beethoven über die damaligen Hörgewohnheiten weg. Er verlässt immer wieder das metrische Gleichmaß und schafft somit Verunsicherung. Extreme Tempo- und dynamische Unterschiede, Ausloten der Grenzen sowohl in den Chor- als auch in den Solostimmen sowie im Orchesterpart schaffen bis dahin Ungehörtes.
„ ... eröffnet unerwartete Zugänge, macht Unsichtbares sicht- bzw. hörbar" Nikolaus Harnoncourt.

Den lateinischen Messetext gliedert Beethoven in nur 5 Sätze (Bachs H- Moll-Messe weist 23 Sätze auf). Kurz, knapp und treffend verdichtet Beethoven die Musik auf das für Ihn Wesentliche.
Der Zuhörer wird mitten ins Geschehen geworfen, als knüpfe der Beginn an etwas bereits Gewesenes an: Es beginnt auftaktig auf Zählzeit 2 in einem 2- Halbe-Takt.
Dem Zuhörer jedoch wird ein auf Volltakt beginnender Dreier-Takt suggeriert, der danach sofort in den tatsächlichen 2-er-Takt umschlägt.
Die im Forte stehenden fragenden Kyrie-Rufe des Chores werden bestätigend, aber piano von den Solisten erwidert.

Eine Orchesterwelle treibt „Gloria in excelsis Deo" voran. Rhythmische Verschiebungen, Hemiolen und Synkopen reißen den Zuhörer mit und verändern permanent das metrische Gleichmaß des Dreiertaktes, während die Textstelle „Qui sedes ad dexteram patris" wie gemeißelt homophon, in extremen Höhen für den Chor, erklingt. Die mächtige Gloria-Fuge mündet in ein extatisches „Amen", in dem sich Chor und Solisten die Worte „Amen, Amen" in synkopischen Verschiebungen wie Bälle zuwerfen. Ehe jedoch der erwartete Schlussakkord erklingt, reißt Beethoven in rasantem Tempo das Ruder herum und beschließt mit den Anfangsworten „Gloria in excelsis Deo" den Satz.

Zentraler und längster Abschnitt der „Missa solemnis" ist das Credo. Der Anfang erinnert an die in der gleichen Tonart B-Dur stehende „Hammerklavier Sonate" (1817/18), die ebenso wie die „Missa solemnis" Erzherzog Rudolph II gewidmet ist. Fast wörtlich gleich sind Takt 5 der Hammerklaviersonate und Takt 16 des „Credo".
Die Kirchentonarten dorisch, mixolydisch, phrygisch klingen in den Stellen „et incarnatus est" oder „et resurrexit" „et ascendit in coelum" an und weisen auf Beethovens Verbundenheit mit den Ursprüngen der Musik und des Messetextes hin.
Die Textstelle „Credo in Spiritum sanctum Dominum et vivificantem ..." treibt Beethoven in vorher im Credo nie dagewesener eilender Achtelbewegung voran, um dann die großflächige Fuge „et vitam venturi" einzuleiten. Vorsichtig und zurückhaltend beginnt der Chorsopran.
Die Worte „Et vitam venturi saeculi" sind durchgängig stabil in Halben komponiert,
während der Kontrapunkt „Amen" diese zuerst umspielt, später in jazzanmutenden Synkopen regelrecht attackiert. Die Fuge kulminiert und steigert sich bis zu dem homophonen Grave „Et vitam venturi saeculi", endend piano mit „Amen", in welches auch die Solisten einstimmen.

„Sanctus" und „Benedictus" verschmelzen in der Missa solemnis zu einem Satz:
Getragen und „Mit Andacht" wird das kurz gefasste „Sanctus" in vergleichsweise tiefer Stimmlage von den 4 Solisten gesungen.
Auch „Pleni sunt coeli" und „Osanna" bleibt den Solisten vorbehalten, was eine kammermusikalische Interpretation dieser Sätze ermöglicht.

Aus den 4 Zeilen des „Agnus Dei" entwickelt Beethoven einen großen, zweiteiligen Satz:
Beginnend mit dem Solobass und den erwidernden Männerstimmen, führen Soloalt, Tenor und schließlich Solosopran weiter.
Das dem „Agnus dei" folgende „Dona nobis pacem" gestaltet Beethoven mittels einer fließenden, gleichsam aus dem Nichts erklingenden Melodie. In der Partitur schreibt er hierzu: „Bitte um den inneren und äußeren Frieden".
Ungewöhnliches unterbricht diesen Satz:
Trompetensignale, Schlachtgetümmel und flehentliche Rufe „Agnus Dei, miserere nobis"!
Das anschließende Fugato „Dona nobis pacem" enthält wörtlich Intervalle aus dem „Halleluja" von G.F. Händels „Messias": „... und er regiert auf immer und ewig ...".
Nach einem rasanten Orchesterzwischenspiel insistiert er noch einmal auf den Rufen
„Agnus Dei, dona pacem"!

Der abrupte Schluss ohne Pauken ist bei Beethoven durchaus etwas Außergewöhnliches.
Nahtlos könnte er in den Anfang der Missa solemnis münden.

... ohne Anfang ... ohne Ende ... aus der Zeit ... ewig ...

Dorothea Völker